Die Loudness-Falle – wie klingt mein Track wirklich?

„Klingt das besser oder nur lauter?“ Bei der Wahrnehmung von Lautstärke spielt uns unser Hirn regelmäßig einen Streich. Dieses Phänomen machen sich einige Engineers zunutze: Was du als Künstler unbedingt über Lautheit wissen solltest.

von Chris Kling

Bevor die Welt angefangen hat, Musik primär im Internet zu hören, herrschte der „Loudness-War“: Kein Label und kein Künstler will, dass sein Song in einer Abfolge von mehreren Titeln leiser als der vorangegangene Track ist. Was darin resultierte, dass jeder versuchte mit allen technischen Tricks immer einen draufzusetzen und immer lauter zu werden – meist jedoch zu Lasten von Qualität und Dynamik. In der heutigen Zeit ist dieses Thema größtenteils beendet: Dadurch, dass (fast) alle Apps, Shops und Streaminganbieter eine automatische Lautstärkeangleichung vornehmen, ist das Streben nach Lautheit eigentlich hinfällig geworden. Eigentlich.

Über den Loudness-War wurde schon genug gesagt und geschrieben. Mein Anliegen ist es, kurz, strukturiert und ohne viele technische Details zu erklären, warum das Thema Lautheit (engl. Loudness) in der Musikproduktion immer noch eine Rolle spielt – und warum es als Künstler unbedingt wichtig ist, ein grundlegendes Verständnis davon zu haben. Dadurch, dass es sich hier allenfalls noch um einen Krieg handelt, den du gegen dich selbst führst, möchte ich im Folgenden nicht von Loudness-War, sondern von der Loudness-Falle sprechen.


Was bedeutet Lautheit (Loudness)?

Wie laut wir Musik empfinden

Während die Lautstärke die physikalische Größe zur Beschreibung der Intensität einer Schalleinwirkung ist, beschreibt die Lautheit dagegen die vom Menschen wahrgenommene Intensität. Kurz: Wie laut wir ein Schallereignis oder einen Song empfinden. Das ist deswegen interessant, weil der Mensch nicht alle Frequenzen gleichlaut wahrnimmt (siehe FletcherMunson Kurve für mehr Details) Insgesamt scheint die Empfindung der Lautstärke von Musik ein weit subjektiverer Vorgang zu sein, als von vielen Psychoakustikern bislang angenommen.

„Schrill“ macht auch laut

Aus der oben bereits erwähnten Fletcher-Munson Kurve lässt sich darüber hinaus ableiten, dass wir für manche Frequenzen (insbesondere ein paar höhere im Bereich von 2-6 Khz) im Schnitt besonders sensibel sind (Funfact: Das sind übrigens jene Frequenzen, die in Baby- und Kindergeschrei vorwiegend vorhanden sind). Wenn bspw. in einem Track besonders viele hiervon vorhanden sind, nehmen wir diesen auch als „lauter“ wahr – sind in diesem Bereich bei hoher Lautstärke allerdings auch schneller im Bereich der Schmerzgrenze.

Messung von Lautheit

Es gibt mehrere Möglichkeiten, Lautheit zu messen: Eine Kennzahl, die sich immer mehr durchgesetzt hat, sind LUFS (Loudness Units Full Scale). Diese Einheit nimmt die unterschiedliche Frequenzgewichtung unserer Ohren in Betracht und führt somit zu einer Messung der auf Wahrnehmung beruhende integrierten, durchschnittlichen Lautheit.


Was ist die Loudness-Falle?

Wir empfinden lauter oft als besser

Bei der Wiedergabe von zwei identischen Songs in unterschiedlichen Lautstärken tendiert unser Hirn dazu, den lauteren Song immer besser zu finden. Das liegt unter anderem daran, dass wir nicht alle Frequenzen gleichlaut wahrnehmen – und bei einer höheren Lautstärke somit eine größere Zahl an Frequenzen hörbar sind.

Auch geht aus empirischen Studien hervor, dass schon durch minimale Lautstärkeanhebungen der Musik der Eindruck von erweiterter Räumlichkeit und Tiefe beim Zuhörer entsteht.


Warum sollte mich das als Künstler/Musiker interessieren?

Eure Wahrnehmung wird dadurch sehr oft ausgetrickst

Auch wenn viele das nicht zugeben wollen: Weil es ein Thema ist, mit dem ihr sehr oft (bewusst oder unbewusst) in die Irre geführt werdet: Von Audio- und Mastering Engineers und Hersteller von Audio Software/Plugins – oder wenn ihr ein Künstler seid, der seine Musik selbst im Homestudio produziert: Wahrscheinlich seid ihr schon selber in die Loudness-Falle getappt. Ohne ein grundlegendes Verständnis wie unser Ohr bzw. Hirn auf Lautstärke reagiert, wird es dir nur eingeschränkt möglich sein, die eigentliche Arbeit des Mixing/Mastering Engineers zu beurteilen.


In welchen Fällen kann ich denn durch Lautheit in die Irre geführt werden?

Beim Hören von Mixen und Mastern

  • Wenn ihr einen Track von eurem Mastering Engineer zurückbekommt, wird dieser mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit deutlich messbar lauter sein als die Ausgangsdatei, die ihr hingeschickt habt. Das täuscht: Ohne eine angeglichene Lautheit habt ihr kein realistisches Bild von der Arbeit, die euer Engineer geleistet hat. Wenn ihr einfach die Files nacheinander anclickt und versucht zu beurteilen, was passiert ist, werden von eurem Hirn wahrscheinlich vorrangig die Lautstärkeunterschiede wahrgenommen.
  • Gleiches kann für einen Mixing Engineer gelten, wenn ihr den Mix mit eurem Rough Mix vergleichen Oder auch wenn ihr unterschiedliche Mix-Versionen/Revisionen beurteilen und abwägen wollt. Auch hier gilt: Ohne angepasste Lautheit zwischen den Tracks erhaltet ihr kein realistisches Bild davon, wie sich die Tracks bereinigt durch die unterschiedliche Lautheits-Wahrnehmung vergleichen!

Beim Produzieren im Homestudio

  • Wenn ihr selbst im Homestudio am recorden oder mixen seid: Viele Plugin-Hersteller (z.B. Slate und Waves) programmieren ihre Software so, dass nur durch das Anschalten der Plugins das Material leicht verstärkt wird (bspw. um 0,5 – 1,0 dB) – manchmal steigt dieser Wert deutlich beim Verstellen gewisser Parameter wie „Saturation“ oder Ähnliches. Einfach nur um uns vorzugaukeln, dass hier „ganz schön was passiert“. Das macht es sehr schwer bis unmöglich zu beurteilen, was das Plugin eigentlich tut! Andere Hersteller (wie bspw. Fabfilter und Brainworx) verzichten weitestgehend auf solche Augenwischerei.

Was ist denn so schlimm daran laut zu sein?

„Nur aggressiv“ oder wirklich zu laut?

Es spricht erstmal überhaupt Nichts gegen laut und aggressiv gemixt und gemasterte Tracks wenn das gewünscht ist und zur Musik passt. Es geht mir hier darum, dass ihr bei eurer Beurteilung nicht in die beschriebene Lautheitsfalle tappt. Vor allem weil (fast) alle Streaming-Anbieter, Apps und Websites wie YouTube zu laute Audioinhalte leiser machen. Die Anbieter machen das, damit man Playlisten und Inhalte in Abfolge konsumieren kann, ohne ständig am Lautstärkeregler drehen zu müssen.

„Zu laut“ wird einfach leiser gedreht

Die Kennwerte und Algorithmen sind von Anbieter zu Anbieter verschieden, aber grob gilt: Das ganze funktioniert ziemlich gut, zu laut produzierte Musik wird abgestraft und klingt oft im Vergleich dünner und lebloser, wenn sie vom Anbieter automatisch leiser gemacht wird. Einzige Ausnahme ist hier bislang SoundCloud. Hier findet noch keine Angleichung der Lautstärke statt. Aber auch dieser Anbieter hat bereits wiederholt angekündigt, Loudness-Matching einzuführen.

Diese Lautstärkeangleichung findet natürlich nicht statt, solange ihr die Tracks noch auf eurer Festplatte liegen und von dort aufgerufen werden. Sondern erst, wenn sie in den Streaming-Portalen stehen. Wobei auch viele der Musikhör-Apps (wie beispielsweise iTunes) auch die Lautstärke untereinander standardmäßig angleichen.


Ich verstehe das noch nicht ganz, warum sind zu laute Tracks denn schlecht?

Es gibt harte Grenzen

Wie gesagt muss laut und aggressiv nicht immer direkt schlecht sein. Hier nochmal zum Hintergrund ohne zu theoretisch zu werden: Weil es eben nicht immer unbegrenzt lauter geht ohne gehörige Einbußen von Dynamik und Klangqualität. Es gibt in der digitalen Audiosignalverarbeitung eine harte Grenze bei 0 dBFS. Stell dir das vor wie eine Zimmerdecke, die man eben nicht verändern kann. Kleine (leise) Dinge können größer (lauter) werden, aber zu große (laute) Dinge musst du abschneiden, damit sie noch reinpassen.

Lautheit frisst Dynamik

Der einzige Weg, in aller Gesamtheit „lauter“ zu werden ist, laute Elemente im Vergleich zu leisen Elementen zu reduzieren – wir müssen also Pegelspitzen abschneiden, i.d.R. durch Kompressoren und Limiter. Somit haben wir aber weniger Unterschiede zwischen lauten und leisen Parts, also weniger Dynamik. Dynamik ist Emotion, Emotionen sind Musik – und Stille ist auch wichtig! Ohne die zusätzliche Lautheit, die unser Gehirn austrickst, klingen die überkomprimierten Master oft platt, ermüdend und nicht sehr angenehm.

Eine sehr schöne Veranschaulichung dieses Sachverhaltes und wie sich die Lautstärkeangleichung der Streaminganbieter auf euer Track auuswirkt, findet ihr in dem Schaubild unter diesem Link: https://productionadvice.co.uk/online-loudness/


Wenn so viele es doch wissen, dass es schlecht ist, warum machen es dann immer noch so viele?

Einfacher Weg zum Kundenglück

  • Um sich das Leben als Engineer leichter zu machen: Die meisten Künstler wissen leider nicht über die Loudness-Falle bescheid. Daher würden viele Mixing- und Mastering Engineers niemals ein Track an den Kunden rausschicken, der leiser ist als die Ausgangsdatei – ganz gleich wie laut diese schon war (z.B. ein Roughmix, der im Homestudio schon den Limiter zum Glühen brachte). Zu groß das Risiko, dass der Künstler dieses Produkt aus dem Masteringstudio dann als „drucklos“ empfindet. Oder die eine Mix/Masterkorrektur wird einfach mal eine einen halben dB mehr in den Limiter geschoben, nur dass der Kunde beim ersten Hören denkt „Wow, da hat sich ja ganz schön was getan nochmal!“ – wohlwissentlich, dass das eigentlich Quatsch ist.

Wer schreit am Lautesten…

  • Die (irrationale) Angst, nicht laut genug zu sein. Angst, dass der leiser und schwächer wahrgenommen werden könnte, wenn er nicht maximal laut und aufgepumpt ist.

Es herrscht Waffenstillstand!

  • „Weil wir das schon immer so gemacht haben“: Also weil die Message noch nicht angekommen ist, dass der Loudness War vorbei ist.

Ok, verstanden. Aber was kann ich tun, um nicht in die Loudness-Falle zu tappen?

  • Sag deinem Engineer, dass du mit dem Thema vertraut bist und nicht unbedingt nur laute Mixe und Master haben willst. Bestenfalls wird er aufatmen und/oder dir dankbar in die Arme fallen.

Sinnvolles Vergleichen und Bewusstsein für das Thema

  • Wenn du die Qualität des Mastering-Engineers beurteilen möchtest oder Mixe miteinander vergleichen möchtest, gleiche die Lautheit an. Die bereits erwähnte Einheit LUFS (Loudness Units Full Scale) gibt dir einen guten Einblick und eine Vergleichbarkeit darüber. Wenn du alle Versionen auf den gleichen LUFS-Wert pegelst (bspw. -13 LUFS), hast du einen ganz guten Überblick und kannst wunderbar vergleichen. Viele DAW/Musikprogramme wie z.B. Steinberg Cubase und Wavelab können dir dabei helfen.

Geräte und Lautstärken beim Abhören variieren

  • Ein guter Mix/gutes Master klingt laut und leise noch gut. Denk auch an die oben erwähnte Fletcher-Munson-Kurve, dass wir manche schrille Frequenzen als lauter empfinden: Wenn sich der Tracks also leise super anhört, dafür aber wenn du über eine gute Anlage richtig aufdrehst der Song viel schneller anfängt im Ohr weh zu tun als du es von anderen Tracks die du magst gewohnt bist, sind hier vielleicht zu viele von diesen „nervigen“Frequenzen vorhanden.

Wir können dir dabei helfen

  • Oder frag einfach den Engineer deines Vertrauens nach Hilfe: Wir erstellen für unsere Kunden und Künstler auf Wunsch gerne auch auf LUFS-Basis Loudness-angeglichene Vergleichsfiles um einen bestmöglichen Überblick zu haben.

Interessante Links zum Weiterlesen:


Quellen:

Katz, Bob „Mastering Audio: the art and the science“, 2nd ed. London: Focal Press, 2007.
Malachy Ronan “Loudness Normalisation: Paradigm Shift or Placebo for the Use of Hyper-Compression in Pop Music?“ Conference Paper of ICMC-SMC 2014, At Athens September 2014·
Vickers, Earl “The loudness  : Background, speculation, and recommendations,” in Audio Engineering Society Convention 129, 2010.
Vickers, Earl “The loudness war: Do louder, hypercompressed recordings sell better?,” J. Audio Eng. Soc., vol. 59, no. 5, 2011.

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